Thema
Ein sehr interessantes Interview mit der Trommelgruppe Ü 65, der Musikschule Neumünster.

Stefan Back (S.B.): Herzlich willkommen zu unserem Interview über Musik und ältere Menschen. Wen haben wir denn hier und wie alt sind Sie? Herr Schütte, das werden sie in der letzten Zeit sicher häufiger gefragt...
 
Gerda Kohl (G.K.): Er heißt Scheurich, Gerhardt Scheurich, und wir sind doch im Du-Modus.
 
Gerhardt Scheurich (G.S.): Wenn du mit mir redest, musst du langsam reden, damit ich es verstehen kann, sonst höre ich das nicht. Also ich heiße Gerhardt Scheurich und bin 93 Jahre alt.
 
G.K.: Gerda Kohl, 75 Jahre alt.
 
Oswald Feix (O.F.): Oswald Feix, 79 Jahre.
 
S.B.: Ihr alle drei spielt bei unserem Dozenten Thies Thode in der Trommelgruppe. Seit wann spielt ihr in der Gruppe?
 
O.F.: Das ist schon so viele Jahre her...
 
G.K.: 2011 haben wir angefangen. Also angefangen hat es mit Fridgard (Fridgard Paetow, eine weitere Mitspielerin des Ensemles, die am Interview aber nicht teilnehmen konnte. Anm. der Redaktion) und mir, wir beide wollten unbedingt trommeln. Und Thies hat dann gesagt, als wir ihn angesprochen haben, es müssen mindestens fünf Teilnehmer mitmachen. Dann hatten wir irgendwann fünf zusammen, da waren die beiden (zeigt auf die beiden anwesenden Herren) noch nicht dabei. Die anderen sind aber wieder abgesprungen, aus welchen Gründen auch immer. Dann sind diese beiden etwas später dazu gekommen, weil wir immer wieder gesucht haben. Wir wollten ja fünf bleiben.
 
O.F.: Also, die Initialzündung war, wie ich es so erfahren habe, auf der Holstenköste, bei einem Auftritt von Thies und seinen Sambaleuten. Das muss so einen starken Eindruck gemacht haben, vor allem auf die Fridgard, dass sie gesagt hat, so etwas möchte ich auch gerne einmal machen.
 
S.B.: Wie würdet ihr das beschreiben, was es euch gibt, in so einem Trommelensemble zusammen zu spielen?
 
G.K.: Also für mich war das Wichtigste, dass ich zusammen in einer Gruppe mit Gleichgesinnten aktiv sein kann. Ich kann ja keine Noten mehr lesen, seidem mein Auge kaputt ist. Ich habe früher hier im Orchester Geige gespielt und das ist alles nicht mehr machbar, aber ich wollte weiterhin in einer Gruppe gemeinsam etwas machen. Und man kann hier in der Trommelgruppe - ohne Noten lesen zu können - einfach auf ein Zeichen von Thies reagieren. Man lernt etwas dazu, der Kopf arbeitet, man muss gucken, man muss hören, man muss die Hände bewegen, die Linke macht etwas anderes als die Rechte, und das macht Spaß! Man sitzt nicht so passiv hinterm Ofen und guckt in die Glotze, sondern man trifft Gleichgesinnte.
 
G.S.: Bei mir war das ein bisschen anders. Mich hat bei der Musik immer schon der Rhythmus interessiert, auch in den vielen Jahrzehnten, in denen ich alle möglichen anderen Instrumente gespielt habe. Ende der 90er, Anfang der 20er Jahre habe ich mal eine Zeitlang in einer Seniorensteppgruppe mitgemacht und das war für mich eigentlich das Größte, das ist ja Rhythmus mit den Füßen. Nach einer Hüftoperation hab ich mir gedacht, das ist nicht mehr das Richtige. Dann hing ich etwas in der Luft, bis Gerda auf mich zukam, die mich für die Trommelgruppe geworben hat. Ich brauchte mir keinen großen Ruck zu geben. Ich konnte mit den Füßen ja nicht mehr, da dachte ich: „Naja, mit den Händen, das ist ein ganz guter Ersatz." Und so ist es auch gewesen. Der Rhythmus interessiert mich wie gesagt am allermeisten, aber was ich hier im Laufe der Zeit gemerkt habe, ist, man kann auch improvisieren. Das interessiert mich einfach sehr, alles was schöpferisch ist. Nun, es ist sehr begrenzt im Vergleich zu dem, was Thies macht. Er improvisiert ja laufend, wenn wir so einen einfachen Schlag machen, aber so hin und wieder kann man das schon auch riskieren und das macht Spaß.
 
O.F.: Ich bin eher so ein Mitläufer, ich genieße dieses Gemeinschaftsgefühl. Das ist sehr wichtig, dass man da in einer Gruppe ist und etwas zusammen macht. Ich hatte ja nie die Gelegenheit gehabt oder nicht wahrgenommen, ein Instrument zu lernen. Das einzige Instrument, das ich spiele, ist das Pfeifen.
 
S.B.: Auch das ist super.
 
O.F.: Und Musik hören, das hat mich natürlich immer schon gereizt. Es gab zu meiner Jugendzeit nur eine Radiostation und die brachte vom Schlager bis zur sogenannten klassischen Musik alles. Das musste man schlucken. Heute gibt es Spartensender und das hat zu Folge, dass ich die zeitgenössische Unterhaltungsmusik überhaupt nicht kenne. Ich lese hin und wieder einen Namen von einem Unterhaltungsmusiker und muss feststellen, dass ich von ihm keine einzige Note zitieren kann.
 
S.B.: Das geht mir mittlerweile oft genauso.
 
Hier entspinnt sich jetzt ein kleines Gespräch über Sinn und Unsinn der aktuellen Popmusik, Jazz, orientalische Musik, was aber nicht wirklich zum Thema gehört und genug Material für ein anderes Interview hergäbe.
 
G.K.: Vielleicht wäre es auch interessant zu erzählen, dass (zu Oswald Feix gewandt) du dich bisher, bevor du mich kennengelernt hast, immer für unmusikalisch gehalten hast und mir gesagt hast, das ist dein Revier, da gehe ich nicht wildern. Und ich hab ihm erst die Idee in den Kopf gesetzt, dass er selbst aktiv werden kann. Meine Devise ist nämlich, kein Kind kommt unmusikalisch auf die Welt. Es gibt nur Eltern, die fördern die Fähigkeiten, und es gibt Eltern wie bei dir in deiner Zeit als Kind, die kein Geld und keine Zeit für so etwas hatten.
 
O.F.: Es kommt noch etwas anderes hinzu. In unserer Familie ist nicht gesungen worden, das Singen war etwas, das man eher als anstößig bezeichnet hat. Das sitzt tief in mir drin, ich könnte wahrscheinlich singen, wenn ich mich frei machen würde davon.
 
S.B.: Damit sind wir jetzt schon bei einem der Punkte, die ich hier auf meiner Frageliste stehen habe: Was würdet ihr Menschen mitgeben, die schon immer den Wunsch hatten, sich aber nicht getraut haben, Musik zu machen? Was würdet ihr denen mitgeben, um sie zu unterstützen.
 
G.K.: Es ist nie zu spät, damit anzufangen. Es gibt keine unmusikalischen Menschen, es gibt nur Talente, die nicht gefördert worden sind, und Menschen, die gar nicht wissen, wo ihr Stärken sein könnten. Und (wieder zu Oswald Feix gewandt) du bist das beste Beispiel dafür, du wärst alleine nicht auf die Idee gekommen, hier in die Musikschule zu gehen.
 
G.S.: Ich kann hier vielleicht meinen eigenen Weg dazu beitragen. Bis ich zwölf war, war ich in der Schule vom Chor befreit, weil ich ein sogenannter Brummer war. Und dann kam an dieses Gymnasium ein Mittelschullehrer und der gab die Parole aus: Alle Kinder können singen. Und von dem Tag an war ich nicht mehr vom Chor befreit. Und dann fing der Mann in der Mittelstufe mit Stimmbildungsübungen an, richtig konzentriert. Die Jugendlichen heute würden womöglich streiken, aber damals war der Unterricht viel autoritärer und er konnte sich durchsetzen. Doch der Erfolg gab ihm recht, nach einigen Monaten konnten alle Kinder singen. Auf diese Weise hab ich eine gute Grundvorraussetzung gehabt für alles, was später gekommen ist. Deswegen bin ich auch etwas zurückhaltend, wenn ich etwas zu jemanden sagen muss, der sich nicht traut.
 
S.B.: Jetzt seid ihr also zusammen in der Trommelgruppe bei Thies. Habt ihr Ziele, die ihr erreichen wollt, wie z.B. in Sechzehnteln zu improvisieren oder so?
 
O.F.: Nein, das ist bei dieser Art der Musik nicht die Zielsetzung. Das Ziel ist ja, einen gemeinsamen Rhythmus auszuüben. Im Laufe der Jahre haben wir verschiedene Sachen gelernt, manche Rhythmen, die eher afrikansich sind, manche, die eher kubanisch sind. Wir haben verschieden Geschwindigkeiten und Breaks dazwischen. Also, wir lernen gerne neue Stücke, aber eine feste Zielsetzung, dies oder jenes möchte ich erreichen, das hab ich nicht.
 
G.S.: Ich wollte eben sagen, mit 93 hat man keine Ziele mehr, aber das stimmt nicht. Ich habe ein Ziel, aber das kann ich leider hier nicht erreichen. Ich wollte es soweit bringen, dass ich bei einem x-beliebigen, nicht so anspruchsvollen Chor den Rhythmus machen kann. Aber unsere Kirchenmusikerin in der Gartenstadt hat zwar die Gabe, Leute einzubauen, die keine Noten können, aber mit Rhythmus hat sie nicht so furchtbar viel am Hut. Den macht sie lieber selbst auf der Gitarre.
 
G.K.: Wenn ich jetzt Enkel hätte, dann hätte ich das Ziel, diese Enkel zu fördern. Mit denen zusammen etwas zu machen. Das ist nämlich ein Punkt, den wir in der heutigen Zeit unbedingt ansprechen müssen, dass die Eltern mit den Kindern zusammen etwas machen. Das muss nicht unbedingt trommeln sein, das kann auch Flöte oder Klavier sein, Hauptsache, sie sind eine Begleitung fürs Kind.
 
S.B.: Ja, das ist eine wichtige Sache. Aber jetzt wollen wir uns erst mal auf ältere Menschen fokussieren. Ihr seid die besten Beispiele. Ich wollte es etwas in die Öffentlichkeit tragen, dass es mit 65 unter Umständen richtig losgehen kann, was das Musik machen angeht.
 
G.S.: Also mit 65 - ich kann das aus Erfahrung sagen - da fängt das, wenn man Interesse an Musik und Rhythmus und derartigem hat, da fängt das erst richtig an. Ich hab auch musiziert in der Zeit, in der ich berufstätig war, aber auf Sparflamme, ich hatte ja nicht so viel Zeit. Familie, drei Kinder, der Beruf war anspruchsvoll, da war nicht so viel Zeit.
 
G.K.: Also, Ehrgeiz entwickelt man in unserem Alter nicht mehr. Aber manche Senioren in unserem Alter trauen sich einfach nichts mehr zu. Die kommen mit den Argumenten, die Hände täten weh. Und da kann ich nun aus Erfahrung sagen, die Schmerzen in meinen Händen werden durch das Trommeln gemildert. Die Durchblutung wird gefördert, das macht sich keiner klar.
 
S.B.: Jetzt habt ihr ja einen wesentlich jüngeren Lehrer...
 
G.K.: Genau, das ist ideal.
 
S.B.: ...ist das gut für euch?
 
G.S.: Das ist ganz egal.
 
G.K.: Nein, egal ist es nicht. Für mich ist es ein zusätzlicher Anreiz, dass man sich nicht nur im Seniorenkreis bewegt, sondern dass da ein junger Mensch sitzt. Der uns das sprühende Leben zeigt.
 
O.F.: Für mich ist auch wichtig, dass die ganze Sache nicht so bierernst ist. Es ist immer eine gehörige Portion Spaß dabei. Es wird viel gefrotzelt und gewitzelt und das macht erst die Gemeinschaft aus.
 
S.B.: Na, das freut mich doch, dass ihr euch hier an der Musikschule so wohl fühlt. Ich hab keine Fragen mehr und danke euch ganz herzlich für eure Zeit.
 
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